Veröffentlichungen

"Es reicht nicht für eine Verurteilung"

von HPE vom 19.04.2005 in Münstersche Zeitung

Münster - Weil die Schuldfrage nicht eindeutig zu klären sei, beantragte Verteidiger Jürgen Knecht gestern vor dem Jugendschöffengericht einen Freispruch gegen die wegen Serienbrandstiftung angeklagte Ex-Feuerwehrfrau Nadine B. (21) aus Hiltrup.

Der Rechtsanwalt: "Es bleiben viele Zweifel, deshalb reicht es nicht für eine Verurteilung meiner Mandantin." In seinem knapp zweistündigen Plädoyer ging Knecht detailliert auf die Vorwürfe ein und kam zu dem Schluss, das die früheren (und später widerrufenen) Geständnisse der jungen Frau wegen vieler Widersprüche und Ungereimtheiten "offenkundig so nicht richtig" sein könnten.

Weder Zeuge noch Spur

So schilderte Nadine B. manche Brandlegung vor dem Haftrichter und der Polizei in unterschiedlichen Versionen. Viele Angaben von ihr stimmten auch nicht mit den Ermittlungen bzw. Aussagen von Polizei und Sachverständigen überein.

Möglicherweise, so die Verteidigung, hat Nadine B. die zahlreichen Brandlegungen nach ihrer vorläufigen Festnahme und später in der Psychiatrie nur deshalb gestanden, weil sie "einfach in Ruhe gelassen werden wollte". Ihre Gefühlslage damals wurde als "niedergeschlagen, selbstunsicher und gleichgültig" eingestuft.

Letztendlich gebe es aber keinerlei Zeugen, die Nadine B. bei einer der vielen ihr vorgeworfenen Brandstiftungen in Hiltrup-West beobachtet hätten. Auch fehle es an unmittelbaren Beweisen wie DNA-, Finger- oder Fußspuren, die für eine Überführung von Nadine B. als Täterin notwendig seien. Auszuschließen sei laut Knecht auch nicht, dass es einen anderen Brandstifter vielleicht sogar aus dem Umfeld des Löschzuges Hiltrup gebe.

Das Nadine B. die Tatorte alle kannte, erkläre sich durch ihren aktiven Löscheinsatz während der Brandserie bzw. Gespräche mit ihren Kollegen vom Löschzug Hiltrup. Deshalb könne man ihre Angaben nicht in Täterwissen oder eigenes Erleben aus dem Einsatz trennen.

"Verzweifelte Lage"

Die Angeklagte meinte gestern in ihrem Schlusswort, sie sei damals in einer "verzweifelten Lage gewesen". Ferner bedankte sie sich für "den fairen Prozess" und bat den Richter, ihr "eine Chance zu geben, sich draußen bewähren zu können".

Die Staatsanwaltschaft hatte eine Haftstrafe von vier Jahren und drei Monaten sowie die Unterbringung in einer psychiatrischen Anstalt gefordert.

Das Urteil wird am Freitag, 22. April, um 10 Uhr verkündet. - HPE

Als Verteidiger tätig: Rechtsanwalt Jürgen Knecht